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Memelland
Ein Reisebericht von: Doktor Corvus
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| Parnidis Dünen, Foto: Doktor Corvus |
Die Fähre läuft in Klaipeda in den Hafen ein. Außer Silos, Kränen und Containern ist nicht viel zu sehen. Ungefähr 25 Jahre ist es her, daß ich das letzte Mal hier war, und die Erinnerungen sind nur blaß. An das Delfinarium auf der anderen Seite der Hafeneinfahrt kann ich mich jedenfalls nicht erinnern. Ich mache meine Frau darauf aufmerksam. Das ist etwas, was ihr bestimmt gefällt.
Auf der Fahrt in die Innenstadt gibt es nicht viel zu sehen, wir könnten überall sein. Autohändler und -werkstätten wechseln sich mit Supermärkten, Möbelhäusern und Industriebauten ab. Endlich in der Innenstadt erscheint mir die Szenerie bekannter: hier das Segelschiff "Meridianas", dort ein Kleidungsgeschäft, wo früher ein einheimischer Lebensmittelladen war. Ich muß unwillkürlich grinsen. Dort hat damals die Kassiererin den Ausweis meines Vaters aufs Strengste kontrolliert, als er Bier kaufen wollte. Ein Mann mit dichtem schwarzen Vollbart, in dem sich die ersten grauen Fäden zeigten. Gott hab ihn selig.
An unserer Ferienwohnung angekommen, grüßt die Platte. Sie befindet sich in einer Chruschtschowka am Ufer der Memel. Drei dicke Katzen liegen im Innenhof auf dem Pflaster und beobachten unsere Ankunft ohne sichtliches Interesse. Meine Frau ist sofort begeistert. Vor der weinroten Haustür machen wir halt, um die etwas kryptischen Anweisungen der Vermieterin nachzuvollziehen, und tatsächlich, das mechanische Codeschloß öffnet sich mit lautem Schnappen, die Tür schwingt nach außen. Innen empfangen uns stilecht ein dunkelgrün gestrichenes Treppenhaus, Aufputzelektrik und freiliegende Rohre, sowie ein leichter Duft nach Waschpulver und Carbol. In die Jahre gekommen, aber sauber. "Sowjetunion", ertönt das trockene Urteil meiner Frau. In der Wohnung angekommen, erfüllen sich die Versprechungen der Buchungsplattform: Alte Möbel, Stofftapeten, Stuck, Stickereien, Motivteller und Ölgemälde an den Wänden. Ein Bücherschrank mit Klassikern in deutscher, russischer und litauischer Sprache. Ein Ausflug in eine andere Zeit, wären da nicht der Flachbildfernseher im Schlafzimmer und die Mikrowelle in der Küche.
Wir beschließen, nach dem Abendessen noch einen Spaziergang am Flußufer zu unternehmen. Der Unterschied zu Deutschland wird schmerzhaft deutlich: Viele litauische Familien mit oft mehreren kleinen Kindern sind noch auf dem Spielplatz an der Memel unterwegs, alles ist pieksauber, Graffiti Fehlanzeige. Wenn man mal eine Fremdsprache hört, ist es Deutsch oder Russisch, einmal auch Französisch und kommt aus dem Mund offensichtlicher Touristen.
Das Baltikum mit seiner Lage zwischen den historischen Rivalen Deutschland, Rußland und Polen hat Einflüsse von allen dreien aufgenommen, sich aber doch eine eigene Identität bewahrt. Und nirgendwo wird der deutsche Einfluß sichtbarer als in Memel. Das Denkmal für Simon Dach auf dem berühmten Theaterplatz, die Ruinen der Memelburg zeugen davon. Nur wenige alte Häuser haben überlebt, an vielen Stellen stehen durchaus gelungene moderne Bauten, aber auch immer wieder Chruschtschowki und Panelkas, sowie andere sowjetische Zweckbauten. Mit dem Wiedereinmarsch der Roten Armee 1944 wurde Memel fast dem Erdboden gleichgemacht, nur wenige Dutzend Einwohner verblieben in der Stadt. Zu sehen ist das eindrucksvoll in der Ausstellung in der Memelburg. Dort wird zu den Klängen von Händels Sarabande multimedial der Zerstörung der Stadt und der Vertreibung ihrer Bewohner gedacht. Die vorangegangene Zeit unter der Flagge des Deutschen Reiches ist deutlich neutraler dargestellt. Der größte Teil der Ausstellung widmet sich jedoch der Gründung der Stadt durch die deutschen Ordensritter und der Darstellung des mittelalterlichen Lebens. Auf dem Weg in den Park sehen wir den ersten Inder. Er ist Lohnsklave eines Essenslieferdienstes, der neben seinem Elektrofahrrad auf dem Pflaster sitzt.
Am Strand in Mellneraggen wieder ein erfreuliches Bild: Familien mit kleinen Kindern spielen im Sand, die Zwerge planschen lautstark im flachen Ostseewasser. Die Ruinen der nahen Küstenbatterie will ich mir dann doch nicht ansehen: Die Kartenvorschau hat gezeigt, daß sich dorthin schon die Graffitikünstler verirrt haben.
Auch das Delfinarium haben wir uns dann doch nicht angeschaut, zu sehr brannte die Sonne, zu sehr lockte die Ostsee.
Auf der Busfahrt über die Kurische Nehrung schläft meine Frau an meiner Schulter ein, vor dem Fenster drängen sich kleine Kiefern, an deren Stämmen Flechten emporklettern. Nach und nach werden die Bäume höher, der Wald dichter. Die ersten Sanddünen schauen zwischen den Stämmen hervor. Zu lange ist es her, daß ich hier war, keine Erinnerung meldet sich. In Nidden angekommen zeichnet sich ein gemischtes Bild. Im Ortskern ein modernes Einkaufszentrum mit Touristikinformation, neue, gepflasterte Straßen, Plaketten der EU. Aber auch dunkelrote, blaue und beige traditionelle Holzhäuser, die Niddener Wetterfahnen und selbstverständlich ein, zwei unvermeidliche Chruschtschowki.
Auf der Wanderung durch die Dünen schauen wir Richtung russische Grenze. Davor, auf einem sandigen Hügel, ragen Antennen empor, auf der anderen Seite, einem bewaldeten Hügel, ebenfalls. Elektronische Ohren belauschen sich gegenseitig. Und irgendwo dahinter liegt Königsberg, wo ein Teil meiner Familie herkommt. Auf dem Weg zurück, die Dünen hinab, gelangen wir ans Ufer des Haffs. Hier schneidet das Brackwasser tief in die sandige Nehrung, wächst Schilf und der Wald wird dicht. Es fällt mitunter schwer, dem schmalen Trampelpfad zu folgen, doch am Ende stehen wir vor einem hölzernen Monument, einem überdimensionalen Stuhl im Tal der Stille, der aufs Haff hinausblickt.
Auf dem Wanderweg geht es weiter, zurück nach Nidden. Zwischen Kiefern stehen rote Ferienhäuser, auf dem Spielplatz toben litauische Kinder. Wir kehren in einem Lokal ein, Holzbänke auf der grünen Wiese, von Sonnenschirmen überdacht und durch wilde Hecken und Flechtzäune abgeschirmt. Es gibt kalte pinke Suppe; eine Wohltat aus roten Beten, Dill, Ei und Kefir an einem heißen Tag. Dazu werden Kartoffeln gereicht, als Hauptgang Hechtklöße, alles begleitet von litauischem Bier. Angenehme Bettschwere breitet sich aus.
Mittlerweile haben Schauer und Windböen die drückende Hitze abgelöst. Es ist der letzte Tag und wir beschließen, zum Niddener Leuchtturm zu wandern. Oben angekommen, bietet sich ein herrlicher Blick: die schmale Nehrung, eingefasst vom glatten Haff einerseits und der gischtgekrönten Ostsee auf der anderen Seite. Das kann ja heiter werden bei der Überfahrt heute Nacht.
Auf der Fahrt zurück nach Memel gibt der Busfahrer wirklich alles. An der holprigen Straße fliegen Kiefern, Häuser und Dünen vorbei. Der Wald wird immer flacher und plötzlich stehen wir auf der Fähre, bereit zur Überfahrt zurück nach Memel. Erleichtert atmen wir beide auf, als der Bus einen Moment stillsteht und der Magen sich beruhigen kann.
Zum Abendessen gibt es litauische Kohlrouladen. Ich habe meinen Teller leergegessen und blicke zum Tresen, wo ein Lieferdienstsklave mit seinem Thermobehälter bereitsteht. Es ist ein Inder. Ich schaue auf meine Uhr. Es wird Zeit, sich zur Fähre zu begeben und nach Hause zu fahren.
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| Segelboot am Haff, Foto: Doktor Corvus |
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