Eine Chronik aus dem Zeitalter des Archäofuturismus

Rezension von: ein Pinguin

Guillaume Faye – Ein Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomow. 

Erschienen beim Jungeuropa Verlag

Guillaume Faye
Guillaume Faye, geboren 1949 in Angoulême in Neu-Aquitanien, verstarb am 6. März 2019 an einem Krebsleiden in Paris.
 

Guillaume Faye nimmt uns in seiner Novelle mit auf eine Reise des im Titel benannten Dimitri Leonidowitsch Oblomow, der als einer der Spitzenbeamten des neuen, regionalistisch anmutenden, supranationalen Staatengebildes Dienst tut. Dieses hat, nach dem kataklysmischen Zusammenbruch des liberalen Westens, unter russischer Führung, die Staatenwelt des heute bekannten Europas ersetzt und erstreckt sich nun über Sibirien bis nach Kamtschatka. Im Laufe dieser Fahrt, eingebettet in ein vergleichsweise lockeres Gespräch mit der Tochter eines indischen Würdenträgers, erfährt man grob, wie diese Welt seit dem Kollaps aussieht. 

Die USA sind in einen Zustand völliger Zersplitterung entlang ethnischer Bruchlinien zurückgefallen und bestehen nur mehr aus vereinzelten polisartigen Strukturen mit gesetzlosem Niemandsland dazwischen. Trotz des agrarischen Charakters dieser Gebiete scheint die Versorgung der – wie überall auf der Welt – massiv reduzierten Bevölkerung nicht ohne Unterstützung der Europäer sichergestellt werden zu können. Die Europäer hingegen scheinen ihre Produktion wieder soweit im Griff zu haben, dass sie sogar Überschüsse abwirft, welche als Nothilfe den Nordamerikanern zur Verfügung gestellt werden können.

Doch auch Europa ist – nicht nur politisch – nicht vergleichbar mit dem, was wir aus der Vergangenheit und von heute kennen. Regionen bilden eigene Staaten mit unterschiedlichster Form, von quasikommunistischen Regimes zu parlamentarischen Demokratien über Herzogtümer bis hin zu Autoritarismen faschistischer Prägung. Über alldem wölbt sich die Eurosibirische Föderation – bezeichnenderweise „Reich des doppelköpfigen Adlers“ genannt.

Hochtechnologie und Bauernstand

In diesem Zusammenhang bietet es sich an, einen kurzen Blick auf die verbindenden Elemente der Gesellschaftsstrukturen der einzelnen Staaten zu werfen. Diese sind grundsätzlich in zwei Teile gespalten. Der wesentlich kleinere Teil, die „Oberschicht“, die sich im Wesentlichen aus Funktionsträgern des Reiches oder der lokalen Administrationen zusammensetzt, sowie derer, die in gigantischen Konzernen an der industriellen Produktion beteiligt sind. Diese Schicht hat exklusiven Zugang zur futuristischen Hochtechnologie, welche im Buch immer wieder in den Fokus rückt, inklusive tragbarer Computer und künstlicher Intelligenz. Hierbei ist anzumerken, dass bei dieser Technologie ein großes Augenmerk auf – in Ermangelung eines besseren Kurzbegriffes – „Umweltverträglichkeit“ und „Nachhaltigkeit“ gelegt wird. 

Eine die Ressourcen der Welt vernutzende Technologie wie in unserer Realität gibt es seit dem Kataklysmus per Dekret schlicht nicht mehr. Auch ein höchst leistungsstarkes Äquivalent zum Internet gibt es, doch wie alle höhere Technologie ist auch dieses der genannten Oberschicht vorbehalten. In diesem eurosibirischen Netz gibt es sogar geduldete Nischen für jene, die offenbar und offensichtlich der liberalen, kapitalistischen Vergangenheit der Welt vor dem Kataklysmus nachtrauern. Gesellschaftlich relevant sind sie jedoch nicht. 

Die zweite Bevölkerungsschicht ist nicht nur im Vergleich ein Vielfaches größer, sondern auch über die einzelnen Teilregionen der Föderation – der jeweiligen Herkunftsregion entsprechend – vielfältiger. Sie bildet das wirtschaftliche und versorgungsmäßige Rückgrat des gesamten Reiches, denn sie werden vorrangig als Bauern beschrieben, die mit ihrer Hände Arbeit Flora und Fauna die Ernten und Erträge abringen. Einen Zugang zur fortschrittlichen Technologie gibt es, wie schon erwähnt, jedoch nicht. Auch einen Zugang zur modernen Medizin gibt es abseits einer Grundversorgung nicht. Und doch werden diese Teile der Bevölkerung durchgängig als glücklich beschrieben. Im Verlauf des Buches finden sich immer wieder eingestreute Beschreibungen der Bauern bei ihrer offenbar beschwerlichen, doch erfüllenden Arbeit. 

Der Rest der Welt ist im besten Sinne multipolar. Neben der Föderation wird ein „Indischer Block“ beschrieben, zu dem man respektvolle, aber abgrenzende Beziehungen pflegt. Afrika und der Nahe Osten, oder anders gesagt: die muslimische Welt, sind ein ungeeinter Machtbereich mit kategorisch wechselnden Machtverhältnissen. Nach der Invasion des Islams, dem resultierenden Krieg als Teil des erwähnten Kataklysmus, unterhält die Föderation ambivalente und wechselnde Beziehungen zu einzelnen Machthabern, solange sie ihr selbst und ihren Zielen nützlich sind.

Zusammengefasst: Wir bekommen von Faye seinen Begriff des Archäofuturismus im Rahmen einer Reisenovelle skizziert. In der Blauen Narzisse spricht J. K. Poensgen ein wenig scheltend darüber, dass der Autor nicht erzähle, sondern doziere. Er lasse den Protagonisten der angesprochenen Inderin gegenüber „lapidar“ Verfassungs- und Entstehungsgeschichte des Reichs wiedergeben, während sein Gegenüber erfreulicherweise aus einer vollkommen geschichtslosen Kultur kommt. Sein Vorwurf der mangelnden Ausdifferenzierung der Charaktere ist zwar nachvollziehbar, kann aber in Anbetracht der Kürze des Buches auch als „Jammern auf hohem Niveau“ verbucht werden. Martin Lichtmesz besorgte nicht nur die Übersetzung, sondern steuerte auch noch ein einordnendes Nachwort bei und spricht hier auch gleich das eine oder andere der „heißen Eisen“ an, welche sich in Fayes Ideal eines Europäischen Staatswesens verbergen. Auch nicht fehlen sollen einige Anekdoten aus der bewegten Lebenshistorie des Autors, wie ein mentholzigarettenrauchender Alain de Benoist inmitten einer Saalschlacht, deren Untermalung eine donnernd vorgetragene Rede von Guillaume Faye untermalt.

Transhumanismus, Genetic Engineering und Klimawandel

Doch zu den streitbaren Punkten des Buches: Fayes Ansichten unterscheiden sich in diesem Teil grundlegend vom heutigen Konzept des Ethnopluralismus, da er direkt an ethnischen – um nicht zu sagen „rassischen“ – Elementen entlang unterscheidet und auch wertet. Er vertritt dezidiert eben nicht den kulturrelativistischen Aspekt, der den zeitgenössischen Ethnopluralismus ausmacht. Interessanterweise ist seine Perspektive dennoch streng antiislamisch geprägt, womit er laut Lichtmesz Denk- und Argumentationsmuster liefert, die sich so oder so ähnlich im neokonservativen Counterjihad nach 2001 großer Beliebtheit erfreuten. Allgemein lässt sich auch sagen, dass Faye, wenn er von Reconquista spricht, sich dabei ganz und gar nicht an der republikanischen und „grundgesetzkonformen“ Form orientiert, wie es beispielsweise ein Martin Sellner tut. Seine Vorstellungen sind durchaus „körperlich“ und eher im klassischen Sinne wie im Spanien des 8. bis 15. Jahrhunderts zu verstehen, mit allen Verwerfungen und Gewalttätigkeiten, die dies mit sich brächte.

Aus seiner islamfeindlichen Haltung wiederum erschließen sich zwei weitere bemerkenswerte Beobachtungen: Die heute in der radikalen Rechten vertretene fundamentale Opposition zum globalen Liberalismus tritt hinter jener zum Islam als „Primärfeind“ zurück und wird, entlang Schmitt'scher Trennung, sogar zum Gegner anstatt zum Feind. Der zweite Aspekt des massiven Fokus auf den Islam ist gewagter. Man könnte Faye eine gewisse Semitophilie unterstellen, welche sich anhand der Feindschaft der „Islamischen Welt“ mit dem Staatskonstrukt Israel durchaus nachvollziehen ließe. Untermauern ließe sich dies mit Parallelen, die diese Novelle zu Theodor Herzls Roman „Altneuland“ aufweist. Wie weit diese „Beeinflussung“ allerdings der Wahrheit entspricht, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen.

Im Verlauf der „Geschichtsstunde“ während der Zugfahrt wird auch eine weitere Auffälligkeit offenkundig: Faye setzt als Prämisse für diese – für seine – Utopie einen Rassenkrieg und einen totalen Zusammenbruch alles Bestehenden voraus. Hier lassen sich Vergleiche zur Tag-X-Theorie ziehen, welche in diversen Formen in der sog. „alten Rechten“ verbreitet waren und sind. Ein weiterer Streitpunkt grundsätzlicher Natur ist Fayes Position zum Transhumanismus. Im Rahmen seiner Beschreibung der medizinisch-gentechnischen Möglichkeiten der Oberschicht des Reiches, angefangen von lebensverlängernden und verjüngenden Behandlungen über Kinder aus der Petrischale bis hin zur Zucht von Tier/Mensch-Hybriden zur Erfüllung spezifischer Aufgaben. Es erinnert erschreckenderweise an die heutigen woken Liberalismusfanatiker, nach denen jeder sein kann, was immer er nur will, weil die Technik es möglich macht. Dem ist hinzuzufügen, dass das genuin rechte Prinzip der Einordnung in ein größeres „kosmisches“ Prinzip sich nur schwer mit quasi gottgleichen Möglichkeiten und vor allem stattfindendem Genetic Engineering vereinbaren lässt. Auch weckt es Erinnerungen an die Abtreibungs-/Leihmutterschaftsdebatten der Moderne.

Ein finales „heißes Eisen“ findet sich in Fayes Position der These des menschengemachten Klimawandels gegenüber. Er scheint diese These zu bejahen, bevor sie derart breitenwirksam propagiert wurde wie heutzutage. Es bleibt hierbei natürlich zu erwähnen, dass ein Wandel des Klimas per se von niemandem mit Verstand grundsätzlich bestritten wird, genau wie der Umstand, dass der Mensch einen Einfluss darauf hat. Die Alleinschuld des Menschen daran und damit die Fähigkeit, diesen Wandel abzuwenden, bleibt höchst umstritten.

Kulturelle Spaltung

Abschließend ergeben sich noch Diskussionspunkte allgemeiner Natur, welche sich in der heutigen geopolitischen Lage noch etwas intensiver aufdrängen. Allen voran die Frage: Gehört Russland zu Europa? Wenn ja, wie viel davon? Betrachtet man das heutige Russland, sieht man nicht nur einen autoritär geführten Staat mit einer einflussreichen Oligarchie, sondern eben auch ein multiethnisches Gemeinwesen, das sich nicht selten als „Shithole“ im Sumpf von Drogen, Kriminalität und Asozialität wiederfindet, dessen Umgebung an eine Parodie auf die technisch abgehängten Bereiche der Sowjetunion erinnert. Auf der anderen Seite finden sich hochmoderne, hochtechnologisierte Metropolen wie Moskau und St. Petersburg. Diese Spaltung setzt sich an der kulturellen Front weiter fort. Westlich des Urals findet sich – zumindest in Teilen – noch eine Reminiszenz der europäisch-russischen Kultur, die mit Zar Peter dem Großen ihren Anfang nahm und der Nachwelt Großes hinterlassen sollte: Dostojewski, Rachmaninow, Tolstoi, um nur ein paar Namen zu nennen. Lässt sich dieser Teil einem „Europa“ zuordnen? Möglicherweise, auch wenn sich der Einfluss des zweiten, größeren Teils nicht leugnen lässt. Dieser besteht zum überwiegenden Teil aus den Steppen, Tundren und Wäldern Nord- und Zentralasiens sowie aus den Völkern und Kulturen, die ihn bewohnten. Allen Eingliederungs- und Angleichungsversuchen der Zaren und der Sowjetregierungen zum Trotz ist das in weiten Teilen auch heute noch so. Allein ethnisch und kulturell lässt sich also fast nichts in diesem Gebiet, samt seiner Einwohner, unter dem Dach „Europa“ einordnen, ohne einem von beiden grundlegend Unrecht zu tun. Der aktuelle Konflikt zwischen Russland und der Ukraine (ohne jetzt das Fass des Stellvertreterkrieges aufmachen zu wollen) macht diese Frage nicht einfacher und wirft in diesem Zusammenhang eine ähnliche für die Ukraine selbst auf.

Die zweite offene Frage ist sprichwörtlich die „Gretchenfrage“: Wie hält man es mit der Religion im Reich?

Zusammengefasst: Die Religion ist als Institution nicht mehr von Bedeutung. Sie ist – sofern staatlich genehmigt – eine erlaubte Form von Folklore, bildet aber in der gesamten Föderation keinen einheitlichen, identitätsstiftenden Block mehr. Das Papsttum wurde beispielsweise vollkommen entmachtet. Andere Machtblöcke wie beispielsweise Indien haben jedoch ihre angestammte Religiosität als Merkmal ihrer Identität erhalten. Details dazu werden jedoch nicht vertieft. Auch hier wird erneut die Frage nach der genuin rechten Verortung in einem größeren „kosmischen“ Ganzen laut, welche jedoch auch hier wieder unbeantwortet bleiben muss.

Eine gesamteuropäische Vision?

Die abschließende Frage, wie repräsentativ Guillaume Fayes Novelle für eine gesamteuropäische Vision von rechts sein kann oder nicht, muss auch hier offenbleiben. Konzeptionell bieten sich einige interessante Punkte, die sich zu vertiefen lohnen, beispielsweise der Regionalismus. Andere Punkte lösen Widerwillen und/oder Unglauben ob der Machbarkeit aus (stringente Zweiteilung der Gesellschaft entlang technologischer Grenzen innerhalb eines Volkes) und wieder andere erzeugen regelrecht Abscheu, wie der beschriebene Transhumanismus, beginnend mit „Verjüngungsbehandlungen“ mit genetisch designten Kindern aus der Petrischale, um Frauen die Strapazen der Schwangerschaft zu ersparen (technologische Leihmutterschaft), bis hin zu gezüchteten Tier/Mensch-Hybriden.

Sollte man „Ein Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomow: Eine Chronik aus dem Zeitalter des Archäofuturismus“ deshalb meiden? Auf gar keinen Fall! In den knapp 100 Seiten der Geschichte wird eine interessante und zuweilen spannende Geschichte erzählt, die sich nicht damit zufrieden gibt, eine Vision entlang den Wahrscheinlichkeiten der Machbarkeit zu entwickeln. Freilich ist Poensgen insofern Recht zu geben, dass die Personen etwas mehr Tiefe hätten vertragen können. Dem Leseerlebnis tut dies jedoch keinen Abbruch. Man bekommt ein leichtgängiges, flüssiges Leseerlebnis, gespickt mit einer Prise Humor, das man durchaus als Beitrag zur innerrechten Debatte begreifen KANN, wie ein neues Europa sein könnte, nicht allerdings als dogmatisches Heilsversprechen. Es eignet sich aber eben auch als ein Stück unterhaltende Literatur mit utopischen oder dystopischen Zügen, abhängig vom Betrachtungswinkel des Lesers. Wer die Gelegenheit hat, sollte beherzt zugreifen und sich ein paar schöne Stunden mit der Lektüre gönnen.

Guillaume Faye - Ein Tag im Leben des Dimitri Leonidowitsch Oblomow. 
Eine Chronik aus dem Zeitalter des Archäofuturismus
Jungeuropa Verlag, Dresden 2020 

 

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